Wir (Mathias und Pauline von CitizenLab) haben Stephen Boucher interviewt, weil er ein Buch über politische Kreativität veröffentlicht hat, das 2017 hohe Wellen schlug. Er arbeitete davor als energiepolitischer Berater und Experte zu Lobbyismus und EU-Angelegenheiten in London und Brüssel. Als amerikanischer und französischer Staatsbürger studierte er an der Kennedy School of Government der Harvard University und lehrte an der Science Po Paris.

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Während einer europäischen Konferenz der öffentlichen Rechenzentren in Lyon haben wir ein Interview mit Stephen Boucher, dem Verfasser des Buchs „Das kleine Handbuch der politischen Kreativität“ (Englischer Titel: The Little Manual of Political Creativity). Wir sprachen über partizipative Demokratie und gemeinsame Gestaltungsräume für Bürger und Verwaltung. Er teilte mit uns seine Ansichten zur kollektiven Intelligenz.

Pauline von CitizenLab: In Ihrem Buch konstatieren Sie, dass Politiker all zu oft Slogans von sich geben, die „Zeit etwas zu verändern“, „Ich bin die Veränderung“ oder ähnliches verlautbaren. Bleibt also die Veränderung ausschließlich in Händen der politischen Klasse?

Stephen Boucher: Wir erwarten ja sehr viel von unseren Politikern, womit diese sich selbst leichter in der Falle wiederfinden, eine Illusion zu nähren, dass sie alle Antworten parat haben. Letztlich müssen sie dann diese Antworten liefern, was dem Ego schmeichelt. Aus dieser Perspektive sollte es eine bessere Verantwortungsverteilung und Zusammenarbeit mit Bürgern geben, sodass Lösungen tatsächlich ausgedacht und gebaut werden – dann aber zusammen mit Bürgern. Diese Veränderung sollte willkommen geheißen werden, weil sie neue Expertise in den Prozess der Generierung politischer Lösungen bringen könnte. Allgemeiner gesprochen sollte die Entscheidungsfindung offener sein, einschließlich einer veränderten Gesprächskultur, damit die Bürger nicht immer zuletzt Forderungen stellen und in passiver Weise auf Vorhabenlisten der Verwaltung blicken.

Pauline von CitizenLab: Sie sagen manchmal, dass Bürger als passiv wahrgenommen werden, beispielsweise in Anbetracht der hohen Nichtwählerquote. Können Beteiligungen Ihnen dennoch das Gefühl geben, das politische Geschehen mitzugestalten?

Stephen Boucher: Es gibt widersprüchliche Erwartungen. Einerseits gibt es eine Art Frustration unter der stillen Mehrheit, nicht gehört zu werden. Andererseits möchten Bürgerliche besser beteiligt werden und ein Wörtchen mitreden. Wir sollten beiden im Zuge der Digitalisierung die Mittel geben, um sich einzubringen. Damit beide sich einbringen, ist es essentiell, dass sie sehen, dass ihre Beteiligung etwas gebracht hatte [dass etwas gebaut wurde]. Eine Bürgerin, die sich einbringt, sollte die Umsetzung Ihrer Idee mitverfolgen können und eine Einschätzung bekommen, welchen Einfluss sie mit Ihrer Idee oder ihrem Beitrag hatte.

Mathias von CitizenLab: Aber wie können wir Bürger beteiligen, wenn sie beschäftigter sind als früher? Was können wir von solchen Konsultationen erwarten?

Stephen Boucher: Ich bin überzeugt, dass Bürger zumindest eine Expertise aufweisen, und zwar diejenige Ihrer eigenen Bedürfnisse. Bürger haben einen Überblick über ihre eigenen Erwartungen und Prioritäten. Es ist sehr nützlich sie zu konsultieren und diese Präferenzen in Erfahrung zu bringen, damit die politische Agenda nicht ausschließlich von politischen Strategen medial eingespannt wird.

Also liegt mir daran Bürger mit der Entwicklung von Lösungen zu assoziieren, weil diese jene wiederum bereichern können. Sie liefern oft keine finalen Antworten, aber sie bringen erstmal verschiedene Perspektiven auf einen Gegenstand. Darüber hinaus sollte unser politisches System kreativer werden, finde ich. In „Das kleine Handbuch der politischen Kreativität“ erläutere ich verschiedene Beispiele, die ziemlich überraschen und dank neuer partizipativer Methoden entstanden.

Mathias von CitizenLab: In der Tat, Sie nannten einen Fall in Kolumbien, das seine Gehwege verbreiterte, um die gefühlte Unsicherheit in den Straßen Bogotas zu vermindern [im Nachgang einer Beteiligung].

Stephen Boucher: Meine Beratungspraxis mit lokalen Regierungen zeigte mir, dass das Konsultieren von Bürgern oft zu günstigeren Lösungen führt, die gleichermaßen effektiv sind [die gleiche Wirkung erzielen]. Dies zeigt doch, wie mächtig Ko-Kreation (co-creation) sein kann!

Pauline von CitizenLab: Was ist Mehrwert der Ko-Kreation Ihrer Meinung nach?

Stephen Boucher: Gemeinsames Abwägen ist der Kern des Demokratischen und geschieht nicht wie Magie, sondern muss ordentlich organisiert werden, auch im Digitalen. Heute haben wir in Europa viel Erfahrung, wie wir vorgehen müssen, wenn wir digital oder analog beteiligen, damit eine ausgeglichene und produktive Diskussion entsteht. Denn Abwägen ist nicht schlichtweg ein vernünftiger Tausch von Argumenten oder lediglich eine Debatte, in der Meinungen aus unterschiedlichen Lagern ohne Zuhören zum Kompromiss gebogen werden. Abwägen erfordert Expertise und Kreativität, wozu wir mittlerweile viele Fallstudien und Know-How angesammelt haben.

Wenn wir einander die Mittel geben, eine qualitativ hochwertige Bürgerbeteiligung oder Bürgerintitiative zu planen, dann versuchen wir Teilnehmende diverser ideeller Hintergründe zu versammeln. Wir ermöglichen Ihnen, dass sie sich vollständiger und sachlicher Information aussetzen und gleiche Ausgangsbedingungen, was das Thema angeht, haben. Der Mehrwert ist, dass eine Vielfalt kognitiver Stile, die in Fachsilos nicht existiert, aus der Bevölkerung geschöpft wird.

Kognitionswissenschaftliche Studien zeigen, dass größere Gruppen weniger kompetenter Personen bessere Entscheidungen treffen als kleine Expertengruppen. Die vermutete Ursache ist die Homogenität der letzteren Gruppe. Wir haben schlichtweg jahrzehntelange Erfahrung mit Expertengruppen, aber nicht mit massenhafter Kollaboration.

In manchen „Bürgerbeteiligungen“ sucht die Stadt nach einem Konsensus: wir bitten Bürger darum, dass sie eine Liste von Empfehlungen erstellen, denen sie alle zustimmen. Manchmal befragen wir Bürger in Umfragen mit einer begrenzten Anzahl Fragen. Hier ist das Ziel eher eine Orientierung zu finden ehe die Verwaltung/Politik in die Debatte hineingeht. Bottom-up Initiativen und Kollaboration vieler Bürger ist etwas anderes als diese Methoden.

Pauline von CitizenLab: Wenn Intelligenz an sich ein generelles soziales Phänomen ist, bedeutet das, dass wir keine spezialisierten Politiker mehr brauchen? [Weil intelligente Entscheidungen in diversen Gruppen wahrscheinlicher entstehen werden.]

Stephen Boucher: Nein, ich denke nicht [dass Spezialisierung sich damit erübrigt hat.] Ich glaube, dass das bestehende repräsentative System angereichert werden kann, indem es offener, inklusiver, kollaborativer und mutiger wird. Es wird immer Arbeiten geben, die Bürger nicht machen wollen und Verwaltungen erledigen werden. Es ist eine Evolution, wenn nicht Revolution, der Rolle des Bürgers, die qualitativ anders ist als bisher und neues Vertrauen im politischen Prozess generieren kann.

In der gleichen Art und Weise können wir nicht in Frage stellen, dass Individuen selbst am besten wissen, was sie brauchen. Ebenso können wir unterschreiben, dass Politiker über die Expertise über öffentliche Einrichtungen verfügen. Jedoch verfügen Sie nicht notwendigerweise über das Wissen über die letztlichen Lösungen politischer Probleme. Sie haben möglicherweise ein sehr gutes Wissen über die institutionelle Maschinerie oder rechtlichen Grundsätze, die die Lösungsräume abstecken. Daher brauchen wir andersartige Expertisen im politischen System, die sich miteinander reiben. Der Ausgangspunkt sollten die Werte und Vision der Bürgerschaft sein.

Heutzutage wollen wir zu schnell punktgenaue konkrete Maßnahmen diskutieren. Wir sehen dies auch in Wahlkampagnen oder Talkrunden, in denen Themen wie „Sollten wir die Begrenzung der Arbeitszeiten pro Woche verändern?“, „Sollten wir den Mindestlohn quartalsweise anpassen?“, „Sollte das Hallenbad weiterbetrieben werden in teilweiser Sanierung?“. Ohne jedoch im Vorhinein allen Beteiligten und Betroffenen die Zeit und den Raum zu geben, darüber zu reden, wie sie sich die Zukunft vorstellen und Gegenwart auffassen. Dies wären Fragen wie „Wollen wir eine Stadt mit stärkerem Zusammenhalt?“, „Wollen wir unsere Gemeinde gegenüber der Welt öffnen?“ Dadurch lassen sich die Möglichkeiten der zu früh konkretisierten Maßnahmen erst begreifen.

Mathias von CitizenLab: Unser Ziel bei CitizenLab ist, diese Beteiligten und Betroffenen durch digitale Plattformen miteinzubeziehen. Was ist die Stärke des Digitalen in diesem Bereich?

Digitalisierung wird nicht alle Probleme hier lösen. Sie liefert nur Werkzeuge, wenn auch mächtige. Die Grundlagen der Inklusion, Kooperation und Courage finden wir analog und digital vor. In beiden Welten können wir den Fehler begehen, Prozesse zu schaffen und durchzuführen, die keine dieser Grundlagen erfüllen.

Digitale Werkzeuge bergen viele Vorteile: Kosten reduzieren, neue Dienstleistungsmodelle, Kontaktpunkte für Bürger mit allen Verwaltungsstufen. Es ist faszinierend und manchmal beachten Befürworter nicht, dass die Arbeit dahinter herausfordernd ist, weil Digitales sich sehr einfach anfühlt. Der Aspekt der Kommunikation und PR ist gewiss nutzbringend, aber echte politische Bereitschaft, Rahmenbedingungen der Beteiligung und digitale Lösungen innerhalb der Verwaltung sind geboten, damit etwas geschieht [to make it happen].

Vielen Dank an Stephen Boucher und dieses höchst einsichtsvolle Gespräch!

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