In den letzten Jahren haben sich für die Bürgerinnen und Bürger Möglichkeiten ergeben, sich direkt an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Diese nehmen viele verschiedene Formen an, stehen aber allzu oft vor der gleichen Herausforderung: Zu wenig Menschen nehmen teil, die zu eher einheitlichen Bevölkerungsgruppen gehören. In diesem Maß können die Meinungen der Teilnehmer die Politikgestaltung nicht sinnvoll informieren und ihre demokratische Legitimität ist fraglich. Also, was kann getan werden, um mehr Teilnehmer aus einem breiteren Spektrum von Hintergründen anzuziehen? Ökosysteme der Gemeinschafts-Partizipation sind sicherlich eine Antwort.

Hier bei CitizenLab arbeiten wir daran, dass unser Partizipationssangebot alle Erwartungen eines Partizipationsbedarfs erfüllt. In den meisten Fällen hat die geringe Nachfrage jedoch eine Hauptursache: Diese Nachfrage wird durch ein geringes Vertrauen in andere Akteure und einen (vermeintlichen) Mangel an Fähigkeiten behindert, sodass es nicht zum Ausdruck kommt, – und freigesetzt werden muss.

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, dies zu erreichen. Eine Strategie, die Ergebnisse zeigt, besteht darin, ein stärkeres Gemeinschaftsgefüge um alltägliche, produktive Aktionen aufzubauen. Einige vorausschauende Stadträte haben dies auf die nächste Stufe gehoben und sind dadurch integrativer und nachhaltiger geworden, wobei die Beteiligung der Gemeinschaft als Ökosystem konzipiert wurde.

Gemeinschafts-Partizipation, neugestaltet
The Open Works — Lambeth, London (UK)

Ecosystems of community participation

Quelle: Designed to Scale (Official project report), Civic Systems Lab (2016)

Das Projekt Open Works begann mit einem Schaufenster in der Hauptstraße des Bezirks, dessen Tür immer offen stand. Drinnen fand man ein Team aus gemeinnützigen Arbeitern und Gemeinde-Mitarbeitern mit Vorschlägen für praktische Projekte und – mit der Zeit – einem Überblick darüber, was andere bereits getan hatten. In jeder Hinsicht waren diese Projekte alle „niedrigschwellig“ und somit inklusiv: sie benötigten nicht viel Zeit, Fähigkeiten oder Engagement und die Teilnahme war kostenlos. Beispiele sind Großküchen, Business Mentoring, Urban Gardening und Obstbau, Nähkurse, Umweltpflege und Kollektivgeschäfte. Jeder Passant, der den Maker Space betrat, wurde inspiriert, sich anzuschließen oder sein eigenes Projekt zu schaffen, und bald wurde es das Zentrum eines dichten Netzwerks.

Ecosystems of community participation

Quelle: Designed to Scale (Official project report), Civic Systems Lab (2016)

Praktischerweise ermöglichte diese (vom Rat finanzierte) Plattformkonfiguration horizontale Produktivität. Das leitende Team konnte die Zusammenarbeit zwischen den Projekten und den Austausch der Teilnehmer von einem zum anderen fördern; es konnte sich um ein einziges Bankkonto und die damit verbundenen Finanzgeschäfte kümmern, um die Online-Kommunikationsstrategie und die visuelle Identität sowie um den gemeinsamen Versicherungsschutz. Das Beste war, dass es eine zentrale vertikale Interaktion mit dem Rat ermöglichte, ein Hauptkanal zur Sicherung der Startfinanzierung für einzelne Projekte, Genehmigungen für die Nutzung des öffentlichen Raums, Sicherheitsfreigaben und Flexibilität bei der Beauftragung von Eingriffen in öffentliches Eigentum. Kurz gesagt, dieses Ökosystem war gleichzeitig ein Vektor für Synergien und Kreuzungen und für eine unentbehrliche, aber leichte Unterstützung des Gemeinderats.

Eine Evaluierung dieses einjährigen Pilotprojekts zeigte weitreichende Vorteile ; von einem gestärkten wirtschaftlichen Gewebe bis hin zu einem geringeren Bedarf an Gesundheitsmaßnahmen. Aber es zeigte auch, wie sich die Ansichten der Menschen gegenüber der Interaktion mit ihren öffentlichen Institutionen und ihrer Gemeinschaft als Gruppe, die gemeinsame Interessen teilt, verändern. Umfragen und Interviews betonten eine verbesserte Wahrnehmung der lokalen Regierung, größeres Vertrauen in andere Gemeindemitglieder, eine Steigerung des Stolzes und der Eigenverantwortung gegenüber öffentlichen Räumen und eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, seine Ideen für die Gemeinschaft in die Tat umzusetzen.

Die Experimente werden nun in einem anderen Londoner Bezirk in  viel größerenmMaßstab fortgesetzt: Dies ist das aufregende Projekt der Participatory City.

Eine radikale Anwtort auf niedrige Beteiligung
Buurtbeheer — Rabot-Blaisantvest, Ghent (BE)

Ecosystems of community participation

Quelle: bisher unveröffentlichtes Projektmaterial

Die Dynamik in Gent lässt sich auf das Jahr 2007 zurückführen, als Mitarbeiter des Stadtrates versuchten, Bewohner des Viertels Rabot-Blaisantvest in eine Reihe von Konsultationen über eine bevorstehende Immobilienentwicklung einzubeziehen. Trotz der Bedeutung dieser Entwicklung für die zukünftige Dynamik des Gebiets war die Teilnahme an den Treffen gering und repräsentierte nur dünne Schichten der sozioökonomischen und demografischen Vielfalt von Rabot-Blaisantvest. Aber die Stadtarbeiter hatten noch eine andere Ressource, die ihnen durch einen ständigen Kontakt mit den Bewohnern zur Verfügung stand: ein klares Bild von den wichtigsten Bedürfnissen der Bevölkerung. Es gab keinen Zweifel, dass es sehr gefragt war, dass Menschen in der Nähe ihrer Häuser (meist ohne eigenen Garten) gärtnern konnten. Das Team nutzte die Gelegenheit, die ein großes, leeres Gelände entlang der neuen Erschließung bot und verfolgte eine radikale, aber einfache Herangehensweise: sie fragten so viele Passanten wie möglich innerhalb dieser 1km2 Fläche, ob ein Gemeinschaftsgarten tatsächlich ihre Priorität war und welche Form dies annehmen könnte. Dies gab dem Team Hinweise auf eine starke Bindung an das Projekt, die sie dazu nutzten, die politischen Behörden davon zu überzeugen, den Bewohnern ein 10-Jahre-Nutzungsrecht zu gewähren. Der Weg war geebnet, dass die Menschen ihre Ernte auf „De Site“ anbauen konnten.

Ecosystems of community participation

Quelle: www.rabotsite.be

Dieser Erfolg förderte den lokalen Drang nach Selbstverwirklichung, und als der Rat im Jahr 2012 verkündete, dass er einen grasbewachsenen Streifen öffentlichen Geländes im Kern eines Wohnblocks neu zuweisen würde, gaben zahlreiche und diverse Einwohner, die von assoziativen Gruppen unterstützt wurden, eine klare Richtung für ihren Stadtteil vor. Der Rat hatte einen neuen Parkplatz vorgesehen, aber die Bevölkerungsflut befürwortete grünere Lösungen. Diese Pattsituation veranlasste die Behörden, von ihren ursprünglichen Absichten zurückzutreten. Stattdessen nutzten sie die Startfinanzierung für die Bewohner, die dann ihre Zeit und Bemühungen investieren konnten, um den Ort in einen kleinen Park umzuwandeln, der von Gartenanlagen umgeben ist – „Het Boerenhof“.

Diese Art von Initiativen wurde repliziert, um ein heute dichtes Netzwerk von Buurtbeheer-Projekten (Stadtteilmanagement) zu schaffen, von denen einige eine Umverteilung des öffentlichen Raums beinhalten. Neben Gartenarbeit gehören Spielstraßen, Brot backen, ein Gemeinschaftscafé mit Meetings und Aufführungen, neue kommunale Grünflächen, betreute Handwerks- und Kunstkurse oder Koch-Workshops dazu. Sie werden durch eine lokale Währung (die Toreke) untermauert, die über die verschiedenen Initiativen verdient und ausgegeben werden kann

Ecosystems of community participation

Quelle: www.rabotsite.be

Die Partnerschaft zwischen dem Rat und den Bewohnern von Rabot-Blaisantvest wird andauern, wobei ein Dutzend weitere von Bürgern geleitete Entwicklungen in Vorbereitung sind.

Wenn ein Kulturwandel und ein koproduzierter Kollektivwert nur wenig kosten

In London und Gent ist ein Kulturwandel passiert: von einem eher individualistischen und selbstbewussten Ansatz hin zu einem Gemeinschaftsbewusstsein und der Bereitschaft, sich in der lokalen Öffentlichkeit zu engagieren. Die Zielgruppen dieser Projekte sind nun besser positioniert, um ihre Anliegen und Bestrebungen zu äußern, vorausgesetzt, ihre Institutionen können ihnen relevante und gut durchdachte Ausdrucksmöglichkeiten bieten.

Darüber hinaus stellen funktionierende Ökosysteme eine frühe Form der Koproduktion dar, d.h. sie involvieren die Öffentlichkeit als Eigentümer eines kollektiven Dienstes, der außerhalb institutioneller Strukturen erbracht wird. Sie werden skaliert und erreichen eine kritische Dichte. Sie bringen messbare Werte für den öffentlichen Dienst in die Gesellschaft. Die Forschung zeigt, dass Koproduktion kosteneffektiver sein kann als staatliche Dienstleistungen und gelegentlich Probleme lösen kann, die sie selbst nicht lösen können. Und obwohl es eine stärkere Beteiligung der Bewohner an Crowdsourcing-Mechanismen fördert, stellt es auch einen ganz anderen Kanal der Partizipation dar: Man beeinflusst die Ergebnisse nicht, sondern man erzeugt sie.

Wenn man zu dieser positiven Bewertung des Ökosystementwurfs noch hinzufügt, dass es mit einer minimalen Haushaltsbelastung einhergeht, wird es schwierig, den Fachmännern nicht zu empfehlen, ihr eigenes Experiment zu beginnen.

Fazit: Das Versprechen einer kooperativen Regierung

Collaborative Governance – die Öffnung der Regierung für die Bürger – beschränkt sich nicht nur auf die Pflege stärkerer Gemeinschaften (andere Beispiele erscheinen bald in diesem Blog!). Dies ist jedoch ein eindrucksvolles Beispiel für das Potenzial, das es birgt, wenn die Bürger wieder in das Beteiligungsangebot ihres Rates eingebunden werden.

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