Bürgerbeteiligungskonzepte weisen eine lange Kontinuität auf. Abhängig von den Möglichkeiten, die der Bürgertitel gewährt, findet sich ein Engagement bereits in der Antike. Mit dem Wegfall der Stadtmauern kommt es zur Entgrenzung des Bürgerbegriffs, die Mobilität wird neu erfahren, der Freiheitsbegriff bekommt eine neue Bedeutung.

 

Das alles klingt heute selbstverständlich und plausibel, allerdings sind dafür große Anstrengungen notwendig gewesen, die Rahmenbedingungen benötigt und neue geschaffen haben. In Ulrich Becks (vgl. 1994: 13) Individualisierungstheorie lösen sich diese Rahmenbedingungen mit der Zeit auf und ab. Es kommt zu einer Optimierung, mit dem neue Anforderungen und Bedürfnisse befriedigt werden sollen.

Die gesteigerte Individualisierung zeigt sich in den Biografien, indem Abweichungen zum Vorschein kommen, die auf Wahlmöglichkeiten zurückzuführen sind. Es zeigen sich veränderte Ausbildungsgänge und eine neue Arbeitsmarktmobilität, die Geschlechterrollen verändern sich, es entstehen neue Lebensformen. Diese werden schließlich zur Normalität.

Im Vordergrund dieser Prozesse kommt es seit den 1960er Jahren zu einer Vielzahl beschleunigter (Um)Brüche, die sich auf die Bevölkerungsbewegung und -entwicklung direkt auswirken. Ein treffendes Beispiel dafür ist die Veränderung der Siedlungsstruktur oder das Stadt-Land-Gefälle. Städte kumulieren Ressourcen (Arbeitsplätze, Arbeitskräfte, Know-how, Kapital etc.), mit denen sie in den Rang von Global Playern aufsteigen und sich behaupten wollen.

Durch die Vernetzung der Städte, ob mit Straßen- und Schienennetzen oder Strom- und Datennetzen, wird das Leben in diesen beschleunigt, womit Anforderungen und Bedürfnisse kurzlebig werden. Die Siedlungsräume erfahren damit neue Herausforderungen, die zeitgemäße Lösungen bedürfen, um diese als Standort für menschliche Ansprüche zu sichern, die in der folgenden Grafik veranschaulicht werden.

Angebot, Nachfrage und Konkurrenzverhalten neuer Siedlungsräume @alenvelagic

Nun finden sich verschiedene Initiativen, die den Siedlungsraum zeitgemäß und zukunftsfit aufstellen sollen. Im deutschsprachigen Raum sind bspw. die Dorf- und Stadterneuerung und die Smart City hervorzuheben, die zueinander ein Spannungsfeld aufweisen. Beide Konzeptionen sind als politische Antwort auf lokale, regionale und globale Veränderungen zu verstehen.

Während es den Smart City-Konzepten darum geht, eine innovative und nachhaltige Struktur für die Bevölkerung in Städten zu errichten, sind die Konzepte der Dorf- und Stadterneuerung darauf besinnt, lokale Ressourcen einzusetzen, um Abwanderung erträglich zu gestalten. Hier ist ein Paradigmenwechsel wünschenswert, um Spannungsfelder in Synergien zu wandeln!

 

Bürgerbeteiligung – Eine Hilfe zur Selbsthilfe

Die Bürgerbeteiligung wird als eine Hilfe zur Selbsthilfe verstanden, indem der Bevölkerung jene Partizipationsmöglichkeiten eingeräumt werden, um ihre Anforderungen und Bedürfnisse zu artikulieren sowie an Maßnahmen zu arbeiten, diese zu befriedigen. Hierbei sind verschiedene Akteure (Behörden, Vereine, Parteien, Unternehmen und Individuen) eingebunden, deren wesentliche Ressource weiterhin der Mensch bleiben wird.

Wir Menschen erschaffen und gestalten die physische, soziale und kulturelle (Um)Welt, in der wir uns aufhalten. Die zwischenmenschlichen Interaktionsprozesse helfen uns dabei, voneinander zu lernen und sich zu entwickeln. Daher braucht es, wie es Martin Hesik (vgl. 2002: 47f) vor gut zwei Jahrzehnten für ein Beteiligungsmodell in Niederösterreich, einem von neun Bundesländern in Österreich, formuliert hat: Dialog und Vermittlung, Prozeduralisierung, offene Prozesse sowie Handlungs- und Projektorientierung.

Die Bürgerbeteiligung gründet auf der Erkenntnis, dass sich Sender-Empfänger-Rollen zwischen Administration und Bevölkerung verändern. Erst dadurch können Problemwahrnehmung, Einbeziehung verschiedener Sichtweisen und effiziente Arbeitsweise ermöglicht werden. Damit es zu einem produktiven Ergebnis der veränderten Rollen kommt, sind Rahmenbedingungen notwendig. Gemeint sind einerseits gesetzliche Bedingungen, aber auch räumliche und insbesondere technische.

Wesentlich für eine Beteiligung ist die Einbindung vieler Menschen, die durch ihre Diversität dazu beitragen, eine Vielzahl an Optionen einzubeziehen. Angesichts der veränderten Biografien braucht es neue Wege, einen breiten Beteiligungsprozess anzuregen und zu ermöglichen. Die Digitalisierung ist eine gegenwärtige Option, die entsprechende Struktur bieten kann!

Gesellschaften sind Netzwerke @alenvelagic

Menschliche Beziehungen, Institutionen und Objekte des täglichen Bedarfs sind vernetzte Elemente und Akteure einer Gesellschaft. Manuel Castells hat das mit der Netzwerkgesellschaft (vgl. 2001) eindrucksvoll dargestellt. Beispiele dafür finden wir im Römischen Straßennetz oder den internationalen See- und Flugrouten. Die gegenwärtigen Social Media-Dienste helfen, sich die vernetzte Welt vorzustellen.

Eine Bürgerbeteiligung, der bereits ein Netzwerk aus unterschiedlichen Akteuren zugrunde liegt, braucht entsprechenden Raum, um Anforderungen, Bedürfnisse, Ideen und Wünsche zu kanalisieren. Der Raum ist hier nicht nur als physischer Raum zu denken, wo Bauvorhaben realisiert oder Treffen abgehalten werden, sondern als Kommunikationsraum, der eine Gleichberechtigung zwischen teilnehmenden Personen schafft, auf Informationen zurückzugreifen und sich gegenseitig austauschen zu können. In einem digitalen Kontext ermöglicht ein Kommunikationsraum, dem definierte Rahmenbedingungen vorangehen, die Teilnahme an Beteiligungsprozessen über physischen Raum hinweg, womit das Feld der Akteure breiter aufgestellt werden kann. Dies führt gleichzeitig zu einer verstärkten Soziabilität, indem sich Gleichgesinnte leichter finden und vernetzen können.

[clickToTweet tweet=“Ein guter Fachartikel von Alen Velagic zur Digitalisierung und Bürgerbeteiligung!“ quote=“In einem digitalen Kontext ermöglicht ein Kommunikationsraum, dem definierte Rahmenbedingungen vorangehen, die Teilnahme an Beteiligungsprozessen über physischen Raum hinweg, womit das Feld der Akteure breiter aufgestellt werden kann“]

Eine zeitgemäße Partizipation benötigt digitale Angebote, um die eigene Arbeit effizienter zu organisieren. Dazu soll ein Beispiel aus Niederösterreich herhalten. Hier gilt die Dorf- und Stadterneuerung als Paradebeispiel für erfolgreiche Bürgerbeteiligung(!), optimiert nach dem Vorbild der Dorferneuerung in Bayern. Herangezogen wird eine Forschungsarbeit, die 2016 an der Universität Wien geschrieben worden ist.

 

Onlineaffinität der lokalen Akteure in Niederösterreich

In 573 Gemeinden und Städten finden sich im November 2016 insgesamt 694 aktive Vereine der Dorf- und Stadterneuerung. Einen Weg, die lokale Gemeinde in sozialen Netzwerken anzusprechen, haben 58 Vereine gewählt, die eine Präsenz in Facebook aufweisen. Zwölf davon haben eine Facebook-Gruppe, um sich virtuell auszutauschen. Zwischen 2004 und 2015 finden sich in der Projektdatenbank 6.187 Projekte. Davon weisen 35 Projekte (=0,57%) einen IT Bezug (Mediatheken, Workshops etc.) auf (vgl. Velagic 2017: 63-71).

Eine ähnliche Situation findet sich bei den 573 Gemeinden und Städten in Niederösterreich. Im Oktober 2016 führen 134 Gemeinden eine offizielle Facebook-Seite. Davon sind 93 aktiv gewesen. Die Anzahl bestehender Gruppen ist nicht erhoben worden, da diese einerseits verschlossen und andererseits oft keine offiziellen Gruppen der Gemeinden sind. Stattdessen formieren Bürger und Bürgerinnen freiwillig Gemeindegruppen, um eine lokale Austauschmöglichkeit zu schaffen (vgl. ebd. 108).

Obwohl Facebook ein erster Ansatz sein kann, sich zu vernetzen und Arbeitsgruppen zu formieren, sind Hürden anzutreffen, die hinterfragt gehören. So bergen anonymisierte Profile und die Möglichkeit, dass das Unternehmen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen jederzeit ändern kann, potentielle Gefahren. Hinzu kommen eingeschränkte Filtermöglichkeiten auf der Empfängerseite und Werbeschaltungen, die ebenfalls die Kommunikation beeinträchtigen können.

Gleichzeitig bieten soziale Netzwerken die Möglichkeit, sich als Gemeinde oder Verein jenen Zielgruppen zu präsentieren, die über Print oder Stammtische nicht mehr zu erreichen sind. Diese Entwicklung bedeutet jedoch nicht, dass Gemeindezeitung, Webseite, Apps oder Amtsstunden überflüssig werden, sondern sich am Medienhorizont als Alternativen positionieren, die unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.

Für die 93 Gemeinde-Seiten stehen besonders lokale und überlokale Veranstaltungen im Fokus, die zusammen fast 60% der 1.168 untersuchten Beiträge stellen. Facebook kommt damit nicht einer wechselseitigen Kommunikation oder der Inszenierung der Gemeindearbeit gleich, sondern dient als Ankündigungskanal für Veranstaltungen (vgl. ebd. 111).

Statistik Österreichischer Gemeindeseiten @alenvelagic

Fazit

Gemeinden und Vereine arbeiten aktiv, die Bevölkerung am Gemeindeleben teilhaben zu lassen. Neue Kommunikationsmöglichkeiten werden weder kategorisch abgelehnt noch leichtgläubig angenommen. Stattdessen findet ein persönlicher und oft langwieriger Prozess statt, der entscheidet, ob die Gemeinde diese neuen Kommunikationsmöglichkeiten braucht. Es zeigt sich, dass eine persönliche Auseinandersetzung notwendig ist, mit der die Vor- und Nachteile betrachtet werden, die neue Ideen oder Innovationen mit sich bringen (vgl. ebd. 83).

Auf lokaler Ebene ist die Hoffnung gegeben, mit neuen Kommunikationsmöglichkeiten (Onlinekommunikation) ein breites Publikum anzusprechen, zu aktivieren und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten, um die Gemeinde zukunftsfit zu machen. Dafür braucht es Wissen, Transparenz und Akzeptanz.

 

Literatur

Beck, Ulrich (1994): Jenseits von Stand Klasse. In: Beck, U., Beck-Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag.

Castells, Manuel (2001): Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Teil 1 der Trilogie. Das Informationszeitalter. Opladen: Leske + Budrich.

Hesik, Martin (2002): NÖ Dorf- und Stadterneuerung. Bürgerbeteiligung und Innovation im ländlichen Raum – Anspruch und Wirklichkeit.

Velagic, Alen (2017): Clevere Gemeinde – Neue Medien in der Gemeindearbeit. Eine Analyse der Annahme bzw. Ablehnung von Social Media in der Gemeindearbeit in Niederösterreich. Magisterarbeit an der Universität Wien.

There are currently no comments.